Die Bayerische Staatsbibliothek (kurz: StaBi) ist seit über 450 Jahren ein Hort des Wissens. In jüngerer Zeit schwören immer mehr Studierende auf die unglaublichen geistigen Höhenflüge und die ungeahnten Konzentrationsleistungen, die dort mit körperlicher Askese erreicht werden können. Ein Kommilitone offenbarte mir erst kürzlich, dass er sonst noch nirgends “so klar denken” konnte wie an diesem Ort.
Da auch mich das Schicksal einer Abschlussarbeit ereilt und ich mich keinem Nachteil gegenüber meinen Mitstudenten aussetzen wollte, war ich gezwungen meine Wenigkeit auch in die heiligen Hallen bayerischen Wissens zu begeben. An dieser Stelle soll der Nachwelt kundgetan sein, welch Schicksal mich an diesem Tag ereilte. Dazu habe ich ein Protokoll erstellt.
08:23 Bin in der StaBi angekommen, habe mir einen Platz gesucht und den Rechner angesteckt. Viele Plätze sind schon belegt.
08:26 Habe gerade noch mal nachgeschaut – die StaBi macht doch erst um 24 Uhr dicht – das wird ein langer Tag!
08:33 Die Skizze für den heutigen Arbeitsablauf ist fertig (das geht immer schnell). Jetzt fängt die Sonne an mir direkt in das Gesicht zu scheinen – ich muss die Augen zusammenkneifen um auf dem Laptop noch was erkennen zu können.
08:55 Hmpff… die letzten 20 Minuten habe ich auf Spiegel Online verbracht – der tägliche Newsflash!
09:03 Sehr gut – irgendjemand hat die Sonnenblenden runtergelassen. Ich kann auf meinem Display wieder was erkennen.
09:16 Puh – die Einleitung zum Kapitel ist fertig (erst mal), sieht aber ganz gut aus. Langsam füllt sich der Lesesaal noch weiter – auch die letzten Plätze sind wohl bald belegt
09:29 So jetzt sind alle Plätze um mich rum voll – Ich habe gerade meinen täglichen Comicdurst gestillt, jetzt kann es mit der Arbeit weitergehen.
09:53 Habe mir gerade die Toilletten angesehen und war einen Schluck Wasser trinken.
10:03 Plätze sind offenbar schon Mangelware – einige Leute sind nun schon mehremals auf ihrer Platzsuche an mir vorbeigelaufen.
10:16 Noch mal ein kurzer Newsflash und eine geschriebene Mail
10:30 Einige Nutzer der Bibliothek sitzen bereits auf den Treppen, da keine Arbeitsplätze mehr frei sind. Ich frage mich, ob ich später mit gutem Gewissen zum Mittagessen gehen kann und durch meine Arbeitsmaterialien meinen Arbeitsplatz belege?
11:56 Neben mir hat sich ein komischer Kautz eingefunden – Gründe ihn als Komisch zu bezeichnen gibt es genug… Die Anzahl der Leute, die auf der Treppe sitzen hat noch weiter zugenommen. Der Umfang meiner Diplomarbeit auch – darauf bin ich stolz!
12:04 Chat mit Raul
12:09 Auf gehts in die Mensa
14:17 Weiter geht es mit der Arbeit an der DA
14:30 Kurze Unterbrechung für einen Anruf
15:03 Man sollte meinen, dass es nicht so schwer ist einen Laptop ruhig zu stellen – aber selbst mit Ohropax hört man im Moment alle zwei Minuten einen Computer, dessen Betriebssystem signalisiert, dass es gestartet oder beendet wird.
15:59 Jetzt kommt gerade ein tiefer Motivationshänger – ich gehe erst mal raus was trinken.
16:08 Wieder da – und noch ein paar neue Teile der Bibliothek kennen gelernt
16:19 Langsam werden wieder Plätze frei – die Treppen werden nur noch sporadisch belegt
16:50 Chat
17:28 Zurück vom Wasser trinken
18:48 Wieder zurück
19:51 Inzwischen gibt es wieder freie Plätze, aber es kommen immer noch Leute, die jetzt noch das Arbeiten anfangen. Ich hoffe, dass die ähnlich wie ich auch in ein paar Wochen fertig sein wollen.
19:55 Hochhackige Schuhe in Bibliotheken sollten verboten werden! (die Trittgeräusche durchdringen jeden Lärmschutz)
20:15 Zurück vom Café – Latte Machiato gibt es ab 20 uhr scheinbar nicht mehr
– Mir scheint, als würde – je später es wird – der Frauenanteil unter den Bibliotheksnutzern abnehmen – jetzt sitzen vorwiegende Jungs hier rum
20:51 Chat
21:09 Jetzt gehts weiter
21:21 Unglaublich, da kommen immer noch Leute, die jetzt zum Arbeiten beginnen
22:10 Jetzt ist Schicht im Schacht – wenn ich morgen um 6 Uhr wieder raus muss
Ich hatte übrigens gewettet, dass ich es bis um 24 Uhr durchhalten würde – aber damit war nichts. Jetzt schulde ich jemanden einen Café.
tolle Erlebnisgeschichte….
In der StaBi darf man keine Getränke mit zum Platz nehmen, oder? Das ist sehr schade, denn Wasser etc. braucht man doch während dem arbeiten.. (ohne dauernd rausgehen zu müssen)
In der Oettingenstraße geht das in Ordnung (auch wenn irgendwo das Verbot aushängt)..